Named of the Dragon von Susanna Kearsley (Der Ruf der Nacht)

Über dieses Buch bin ich kürzlich in einem Artikel bei Tor.com gestolpert, wo ich schon einige Bücher gefunden habe, die mir sonst ganz sicher entgangen wären. Die Geschichte der Literaturagentin, die über Weihnachten nach Wales reist, um dort einen Autor für ihre Agentur zu gewinnen, klang vielversprechend, die Leseprobe gefiel mir und da das Buch im Kindle Store gerade im Angebot war, habe ich direkt zugeschlagen. Ich muss gestehen, dass ich schon lange kein Buch mehr in (fast) einem Rutsch durchgelesen habe, was nicht heißen soll, dass dieser Roman perfekt ist. Aber es war ganz offensichtlich genau das, was ich im Moment gerne lesen wollte.

Lyn, die Hauptfigur in dieser Geschichte, bekommt einen unverhofft langen zweiwöchigen "Urlaub" genehmigt, während dem sie einen Bestsellerautor dazu bringen soll, für ihre Agentur zu unterschreiben. Schon in der ersten Nacht in Wales hat sie einen seltsamen Traum, in dem eine fremde Frau sie bittet, ihren kleinen Sohn zu beschützen. Lyn deutet es zunächst als Albtraum, ausgelöst durch den Verlust ihres eigenen Sohnes bei dessen Geburt fünf Jahre zuvor, etwas, worüber sie nie hinweggekommen ist.

Es hilft auch nicht wirklich, dass nebenan Elen, eine junge Witwe, wohnt, die ihren kleinen Sohn allein groß zieht und angeblich nicht ganz richtig im Kopf ist. Sie redet ständig davon, dass ein Drache versuche, Stevie zu stehlen. Und dann ist da noch Gareth, ein anderer Schriftsteller, der Jahre zuvor ein erfolgreiches Theaterstück geschrieben hat und seither nichts mehr, und der mehr oder weniger einsiedlerisch in der Nachbarschaft wohnt und im Ruf steht, alles andere als gesellig zu sein. Insgesamt nicht wirklich die Gesellschaft, die man sich für ein beschauliches Weihnachtsfest wünscht.

Der deutsche Titel "Der Ruf der Nacht" erschließt sich mir überhaupt nicht. Welche Nacht ruft hier, und nach wem? Ich habe das Buch im englischen Original gelesen, und der Titel Named of the Dragon ist im Gegensatz dazu sehr passend. Im Zusammenhang mit Wales, das die Autorin als Schauplatz für ihren Roman gewählt hat, weckte das bei mir sofort Assoziationen mit der Artus-Legende, dem "Pendragon".

Es ist auch kein Zufall, dass Kearsley ihre Hauptfiguren nach einem Gedicht von Alfred, Lord Tennyson benannt hat: Gareth und Lynette. Meine Bildung in alt-englischer Literatur lässt leider zu wünschen übrig, sodass ich das erst mal recherchieren musste. Gareth and Lynette ist ein Teil eines Gedichts-Zyklus von Tennyson, den Königsidyllen, die von König Artus und den Rittern der Tafelrunde handeln, zu denen auch Gareth gehörte. Diese basieren auf dem noch älteren Werk von Sir Thomas Malory, Le Morte d'Arthur. Das Ende von dessen Version von Gareth & Lynette ist jedoch anders, als Tennyson es erzählt. Mehr möchte ich dazu hier nicht sagen.

Kearsleys Version der Geschichte spielt in den 1990er Jahren (der Roman erschien erstmals 1998) und ist somit auch fast schon historisch. ;-) Weihnachten auf einem britischen Landsitz, bei dem man abgesehen von den modernen Fortbewegungsmitteln fast den Eindruck haben konnte, er sei durch ein Zeitloch in ein früheres Jahrhundert gefallen, niemand, der alle paar Minuten auf dem Smartphone checken muss, ob er eine neue Nachricht hat - das mag altmodisch wirken, ich fand es äußerst entspannend. Besonders gut gefallen hat mir auch ein Ausflug nach Pembroke, der zwar für die Handlung nicht zwingend notwendig war, der Geschichte jedoch mehr Tiefe verliehen und den Schauplatz in lebendigen Farben geschildert hat.

Ich muss unbedingt mal nach Wales.

Das Ende war für mich ziemlich überraschend, es werden auch nicht alle Einzelheiten erklärt, ein paar Dinge können auch nach der letzten Seite des Buches die Fantasie des Lesers beflügeln. In ein Genre kann ich das Buch ebenfalls nur schwer einordnen. Vermutlich nennt man das heutzutage "paranormal", ich würde eher von "magical realism" sprechen. Ich liebe Geschichten, die alte Mythen und Sagen auf neue, moderne Art erzählen.

Ist das, was man als "übersinnlich" deuten könnte, nun wirklich geschehen oder hat es nur in Lyns Kopf stattgefunden? Hier halte ich es mit Albus Dumbledore:
"Of course it is happening inside your head, Harry, but why on earth should that mean that it is not real?"
(Harry Potter and the Deathly Hallows)


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